Die Oberrealschule zu Bad Oldesloe während des Weltkrieges (1914 bis 1918)

von Professor Dr. Brenner
Als nach den Sommerferien am 4. August 1914 der Unterricht wieder aufgenommen werden sollte, hatte einige Tage vorher der größte aller bisherigen Kriege seinen Anfang genommen. Deshalb stand die Oberrealschule zunächst ganz und gar unter der Wirkung des großen Krieges. Am Tage des Schulbeginns, der zugleich der 3. Mobilmachungstag war, trat der bis dahin geltende Eisenbahnfahrplan außer Kraft, da das Wagenmaterial und das Eisenbahnpersonal durch die Soldatentransporte fast restlos in Anspruch genommen wurde. Nur wenige Züge wurden für den Personenverkehr eingesetzt, höchstens zwei nach jeder Richtung. Infolgedessen konnten die meisten Fahrschüler die Schule zur festgesetzten Zeit nicht erreichen. Von den Schülern waren in der Hauptanstalt nicht der dritte Teil, in der Vorschule etwa die Hälfte erschienen. Manche konnten längere Zeit nur einige Stunden täglich am Unterricht teilnehmen. 5 Lehrer der Anstalt, Dr. Vogler, Kand. Pedersen, Oberschullehrer Lund, Zeichenlehrer Greve und Vorschullehrer Schulze wurden sofort zum Heere einberufen.
Hierdurch erlitt der Schulbetrieb im 2. Quartal erhebliche Störungen. Eine Besserung trat erst wieder ein, als von Mitte August an mehr Züge eingelegt und Herr Greve und Herr Schulze für einige Zeit vom Heeresdienste beurlaubt wurden. Der Mangel an Lehrkräften wurde zum Teil durch das Zusammenlegen der beiden Sexten und das Eingehen der Oberprima ausgeglichen, nachdem in den Tagen vom 10. bis 13. August eine schriftliche und mündliche Notreifeprüfung mit 15 Oberprimanern, die ins Heer eintreten wollten, abgehalten worden war, und am 3. September eine gleiche mit den beiden noch übrigen Schülern der Oberprima, welche dieselbe Absicht hatten.
In den beiden ersten Wochen nach Schulbeginn war für die Schüler der Oberklassen noch kein Unterricht. Während dieser Zeit halfen die Schüler, die hier beheimatet waren oder Oldesloe in kurzer Zeit erreichen konnten, vielfach in der hier auf dem Bahngelände zur Verpflegung der durchfahrenden Truppentransporte von einer Harburger Pionierabteilung aufgeschlagenen Feldküche oder sie beteiligten sich an der Bewachung verschiedener Eisenbahnbrücken. Am Nachmittag des 2. September 1914 wurde von der Oberrealschule zusammen mit der Luisenschule zum letzten Male das Sedanfest in Gemeinschaft mit den Angehörigen der Schüler auf der Wolkenweher Mühle durch Gesang, Vorträge von Lehrern und Schülern und ein Kriegsspiel des Vereins "Wanderfalke", das vom Mühlenhügel beobachtet wurde, gefeiert. Die Festfreude wurde erhöht durch das Eintreffen der Nachricht vom Fall der Festung Givet.
Im Winterhalbjahr nahm der Schulbetrieb wieder einen ruhigeren Gang. Kandidat Cleemann wurde überwiesen.
Die beiden Sexten konnten getrennt werden. Allerdings musste der Zeichenunterricht das ganze Halbjahr ausfallen und vom 25. Januar an auch der Gesangunterricht infolge erneuter Einberufung der Herren Greve und Schulze. Mitte November traf die Nachricht ein, dass der bei den Ratzeburger Jägern als Fahnenjunker eingetretene Obersekundaner Günther Korndorf aus Rosenhagen in Mecklenburg im Feldlazarett zu Houthulst an seiner am 29. Oktober bei Draeybark in Flandern erhaltenen Verwundung (Brustschuss) gestorben sei. Er war der erste Tote von den nach Ausbruch des Krieges ins Heer eingetretenen 43 Schülern der Anstalt. Am Nachmittag des 20. Dezember veranstaltete die Schule eine Weihnachtsfeier. Von dem Eintrittsgeld konnten der hiesigen Kriegshilfe 207.25 Mark überwiesen werden. Anfang Januar 1915 wurden zwei Kompanien von Genesenen nach Oldesloe in Garnison gelegt. Ihnen wurde die Turnhalle und für besondere Fälle auch die Aula zur Mitbenutzung überlassen. Zur Feier großer Siege unserer Heere wurde der Unterricht am 17. November (wegen des Sieges über die Russen bei Kutno und Wloclawec), am 18. Dezember (wegen des Entscheidungssieges im Osten), am 13. Februar (wegen des Sieges bei den masurischen Seen), am 18. Februar und am 12. März ganz oder teilweise ausgesetzt, und zwar am 18. Februar auf Befehl des stellvertretenden Kommandanten des IX. Armeekorps, am 12. März von 11 Uhr an auf Anordnung des Provinzial-Schulkollegiums.
Die Nachrichten von Kriegsereignissen wurden, wenn es möglich war, im Unterricht mit herangezogen, häufig wurden sie auch im Anschluß an die gemeinschaftliche Morgenandachten in der Aula von Direktor mitgeteilt und erläutert. Dabei wurde es auch nicht unterlassen, die Schüler an die Pflichten zu erinnern, die der Krieg jedem Deutschen auferlegte. Einige Mühe machte es, die Schüler an sparsames Umgehen mit Nahrungsmitteln zu gewöhnen. Schließlich aber gelang es doch, hierin Wandel zu schaffen. Erwähnung verdient noch der Eifer der Schüler besonders aus den unteren und mittleren Klassen, bei der Beteiligung am Einwechseln von Goldmünzen für die Reichsbank. Bis zum Schluss des Schuljahres wurden 14830 Mark in Gold zusammengebracht und abgeliefert. Im ganzen sind während der Kriegszeit 24840 Mark eingewechselt worden. Durch Verkauf der Kriegspfennigmarken wurde für das Rote Kreuz eine Einnahme von 50 Mark erzielt.
Während der Osterferien 1915 wurden die Herren Oberlehrer Läpple und Dr. Jochimsen zum Heeresdienst einberufen. Dafür trat Herr Oberrealschullehrer i. R. Jürgens wieder ein, der dann bis Ende 1918 wieder an der Schule unterrichtet hat. Herr Oberlehrer Dr. Best, der gleichfalls einberufen war, kehrte bereits nach 4 Wochen wieder zur Schule zurück. Im Dezember übernahm die Lehrerin i. R. Frl. Helms von hier aushilfsweise den Unterricht in einer Vorschulklasse, und am 6. Januar 1916 konnte auch Herr Greve nach widerruflicher Entlassung aus dem Heere seinen Unterricht wiederaufnehmen. Die im Felde stehenden Oberrealschullehrer Lund und Vorschullehrer Schulze wurden zu Leutnants der Reserve befördert.
Damit die Schüler mehr Gelegenheit hätten, bei Erntearbeiten und beim Einbringen der Ernte zu helfen, wurden auf Antrag der Landwirtschaftskammer die Sommer- und Herbstferien zusammengelegt für die Zeit vom 7. August bis 21. September.
Aus Anlass der Siege im Osten wurde 1915 auf Anordnung der Oberschulbehörde an 3 Tagen der Unterricht ausgesetzt, am 4. Juni (Einnahme von Przemysl), am 23. Juni (Einnahme von Lemberg), und am 6. August (Einnahme von Warschau).
Am 14. Juni fand die mündliche Notreifeprüfung der ins Heer eintretenden Oberprimaner statt. Am 10. Juli, am 16. Oktober und am 11. Dezember wurden die mündlichen Notreifeprüfungen mit den im Jahre vorher mit dem Zeugnis der Reife für Oberprima ins Heer eingetreten Unterprimanern abgehalten. Zur regelrechten Reifeprüfung zu Ostern 1916 war nur noch 1 Oberprimaner da (Laubinger aus Trittau, bald nach seinem Abgang ins Feld gefallen).
Im September 1915 beteiligten sich die Schüler zum ersten Male an der Zeichnung für die 3. Kriegsanleihe. 98 Zeichner brachten 15300 Mark zusammen. Auf Befehl des Kaisers war deshalb der 25. September schulfrei. Für die 4. Kriegsanleihe im März 1916 zeichneten 134 Schüler 24200 Mark Im ganzen haben die Schüler der Anstalt für die 3. bis 9. Kriegsanleihe durch 609 Zeichnungen 96265 Mark aufgebracht, die kleinste Zeichnung betrug einmal 5 Mark, die größte einmal 1200 Mark An die Gummisammelstelle konnten 170kg Gummiabfälle abgeliefert werden. Für an die Stadt abgeliefertes Metall, besonders Kupfer, wurden 67.22 Mark zu Gunsten des Roten Kreuzes erzielt. Auch ausländische Münzen und alte, zum Teil zerbrochene Goldsachen wurden an dieselbe Stelle zur Bewertung eingesandt. An dem Einsammeln von Kastanien, Eicheln, Obstkernen, Knochen, Laubheu und Bucheckern beteiligten sich einige Schüler mit besonderem Eifer. Vielfach wurde das, was gesammelt war, direkt an die Verbraucher abgeliefert, zum Teil wurde es durch die Schule verkauft, und in diesem Falle wurde der Erlös dafür dem Roten Kreuz überwiesen. Als angeregt worden war, Bücher für die Lazarette zu sammeln, hatte die Sammlung ein so reiches Ergebnis, daß in kurzer Zeit 3 große Kisten Bücher an den "Landesverein für innere Missionen" in Neumünster abgeführt werden konnten.
Am 21. Oktober 1915 wurde der Gedenktag der 500-jährigen Herrschaft des Hohenzollernhauses in Brandenburg durch einen Festaktus gefeiert. Prof. Dr. Hansen hielt die Festrede. Nach der Feier begaben sich die Schüler unter Führung der Lehrer nach dem Kurhause zur Nagelung eines dort zum Besten des Roten Kreuzes aufgestellten Eisernen Kreuzes. Der erste goldene Nagel wurde eingeschlagen mit dem Spruch: "In den Staub mit allen Feinden Brandenburgs!" Am Geburtstage des Kaisers stifteten die Schüler eine Kaiserspende im Betrage von 300 Mark, die der hiesigen Kriegshilfe zugewiesen wurden. Nach den Osterferien 1916 trat Herr Oberrealschullehrer Ohrt, der bereits zum 1. Oktober 1914 gewählt worden war, seine Stelle an, und nun schied der Vorgänger desselben, Herr Oberrealschullehrer Maßmann, endgültig aus dem Dienst. Schulfrei waren in diesem Jahre der 1. Mai wegen des Sieges bei Kutel-Amara, der 2. Juni wegen des Seesieges am Skagerrak, der 16. September wegen des Sieges in der Dobrudscha und der 7. Dezember wegen der Einnahme von Bukarest.
3 Notreifeprüfungen am 8. Juni, 31. August und 17. November und 2 Kriegsreifeprüfungen (die erste dieser Art am 22. September unter dem Vorsitz des Herrn Oberschulrats Latrille, die zweite am 18. Dezember) wurden außer der regelrechten Reifeprüfung am 17. März abgehalten. In diesem Jahre fand die Nagelung der beiden in der Schule hängenden Tafeln statt. Metallsachen wurden weiterhin gesammelt und an die dafür bezeichneten Stellen abgeliefert.
Die Sommer- und Herbstferien wurden infolge der im Jahre vorher gemachten Erfahrungen nicht wieder zusammengelegt. Die Herbstferien wurden nachträglich 8 Tage später gelegt (7. bis 19. Oktober), damit die Schüler bei der Kartoffelernte ausgiebiger helfen könnten als im vorhergehenden Jahre.
In diesem Jahre erlitt der Unterricht durch die längere Erkrankung des Oberlehrers Dr. Best und mehrfachen Wechsel im Lehrerkollegium erhebliche Störungen. Dafür wurde Dr. Brünjes überwiesen, der an der Anstalt blieb, als am 2. Oktober 1916 Oberlehrer Wiese zum Heeresdienst einberufen wurde. Am 1. und 2. Dezember musste der Unterricht ausfallen, weil fast alle Lehrer und auch einige ältere Schüler bei der Volkszählung mitwirken mussten. Auch in der Folgezeit wurden häufig Lehrer und einzelne Schüler bei angeordneten Zählungen und Bestandsaufnahmen mit herangezogen. Allmählich machte sich infolge der langen Dauer des Krieges, des dadurch hervorgerufenen Fehlens an Arbeitskräften und der Verkehrsschwierigkeiten Mangel in mancherlei Hinsicht bemerkbar. Als die Kohlenzufuhr schwieriger wurde und zeitweise aussetzte, musste vom 23. Januar bis zum 19. Februar die Schule ganz geschlossen werden. Um Heizmaterial zu sparen, wurde dann der Unterricht in die Stadtschule verlegt, die vormittags den Oberrealschülern und nachmittags den Stadtschülern überlassen wurde. Die Osterferien wurden deshalb noch vom 11. bis zum 23. April verlängert. Für das Sommerhalbjahr 1917 wurde Herr Oberrealschullehrer Suck beurlaubt. Am 1. Oktober 1917 trat er endgültig in den Ruhestand. Sein Nachfolger, Herr Kossack, konnte seinen Dienst erst am 16. November antreten. Außer dem regelrechten Abitur am 18. Februar 1918 wurde viermal, am 13. Juni, am 21. und 22. Juni und am 21. Februar ein Notabitur abgehalten. Wegen mehrerer Siege an den einzelnen Fronten (4. September Einnahme von Riga, 2. November Sieg über Italien, 26. März Sieg im Westen), des guten Erfolges der Kriegsanleihe (22. Oktober) und des Friedensschlusses mit der Ukraine (11. Februar) und Russland (4. März) war an diesen Tagen ganz oder teilweise schulfrei. Da sich in der Landwirtschaft ein immer stärker werdender Arbeitermangel auszuwirken drohte, wurde während des größten Teils des Sommers und auch noch im Herbst ein erheblicher Teil der älteren Schüler für landwirtschaftlichen Hilfsdienst beurlaubt. Die Sommerferien wurden deshalb etwas später gelegt und um 8 Tage verlängert (21. Juli bis 28. August).
Wie in den Vorjahren wurden die Schüler immer wieder zum Sammeln und Abliefern verschiedener, besonders für die Kriegsindustrie notwendiger Metalle angehalten. Nach den Herbstferien siedelte die Oberrealschule wieder in die Stadtschule über. Am 31. Oktober wurde die 400-Jahrfeier der Reformation zusammen mit den anderen Schulen gefeiert. Als Anfang November (7. und 8.) Herr Oberschulrat Latrille bei einer Revision festgestellt hatte, dass der Physik- und Chemieunterricht nicht so erteilt werden konnte, wie es diese Fächer erforderten, wurde der Unterricht in die Oberrealschule zurückverlegt, die nun nachmittags den Stadtschülern überlassen wurde.
Ostern 1918 übernahm die Lehrerin Frl. Färber eine Vorschulklasse. Als am 11. Juni Herr Oberlehrer Claußen zum Heeresdienst einberufen wurde, erteilten die beiden hiesigen Pastoren zum Teil den Religionsunterricht. Auch in diesem Sommer war öfter ein erheblicher Teil der Schüler zum Hilfsdienst in der Landwirtschaft beurlaubt. Mitunter begaben sich einzelne Klassen geschlossen auf ein Gut, um Erntearbeiten zu verrichten. Im Juni, Juli und September wurde von allen Klassen unter Führung der Lehrer Laub für die Laubheugewinnung gepflückt. Im Herbst wurde das Sammeln von Bucheckern und Eicheln stärker als in den Vorjahren betrieben. Im Oktober wurden sämtliche Mittel- und Oberklassen 4 Tage nach Grabau zum Kartoffelaufnehmen beurlaubt.
Anfang Oktober traf die Nachricht ein, dass der Gesanglehrer der Anstalt, Herr Schulze, am 29. September auf dem westlichen Kriegsschauplatz gefallen sei.
Als im Oktober die Grippe sich in Deutschland schnell verbreitete und manche Opfer forderte, musste die Schule, da auch viele Schüler erkrankt waren, vom 28. Oktober bis zum 11. November geschlossen werden. Inzwischen war die Revolution ausgebrochen und ein Waffenstillstand abgeschlossen, der unserem Vater so ungewöhnlich harte, von Hass und Rachsucht diktierte Bedingungen auferlegte. Wohl in der Widerstandskraft geschwächt, aber unbesiegt, traten unsere Heere den Rückmarsch.
Am 1. Dezember 1918 konnten alle Lehrer der Anstalt, die zum Militär einberufen worden waren, mit Ausnahme von Dr. Vogler, der in englische Gefangenschaft geraten war und erst Neujahr 1920 zurückkam, ihre Tätigkeit wieder aufnehmen.
Während des mehr als 4-jährigen Krieges sind, soweit festgestellt werden konnte, 1 Lehrer und 119 ehemalige Schüler der Anstalt gefallen. Unter diesen 119 Schülern sind 23 Abiturienten, 47 mit der Reife für O II Abgegangene, 7 von der Schule ins Heer Eingetretene, 42 aus den Klassen IV bis O III Abgegangene, die zum Teil die Schule nur kurz besucht haben.
Am 21. Oktober 1921 wurde die von Rudolf Greve entworfene und von Walter Gaudlitz in Eiche ausgeführte Gedenktafel für die gefallenen Schüler der Oldesloer Oberrealschule eingeweiht. Sie fand ihren Platz zwischen den beiden Aulatüren, um so bei jedem Betreten des Festsaales die Schüler zu ermahnen, der gefallenen Kameraden zu gedenken. Zu beiden Seiten der Tafel hängen heute dreikerzige Leuchter, deren Lichte an allen Schulfeiern entzündet werden. 91 Namen sind auf dieser Tafel verzeichnet. Mögen diese 91 Namen bis in die fernsten Zeiten den kommenden Schülergenerationen ein rührendes Zeugnis ablegen von deutscher Vaterlandsliebe, von deutscher Tapferkeit und deutscher Treue.