Schule im Ausbau (1959 bis 1963)

Dr. Wilhelm Tiedemann Leitender Ministerialrat a. D. Porträt von Dr. Wilhelm Tiedemann
Als am 23. März 1959 Oberstudiendirektor Staberock verabschiedet und ich als sein Nachfolger eingeführt wurde, meinte Bürgermeister Barth in seinen Begrüßungsworten, der neue Schulleiter könne sich sozusagen ins gemachte Bett legen. Das war aus seiner Sicht verständlich, waren doch in den letzten Sommerferien die restlichen Bauarbeiten, die mit der Aufstockung des Schulgebäudes verbunden waren, abgeschlossen und die dadurch geschaffenen Räume eingerichtet worden. Doch - um im Bilde zu bleiben - kaum lag der neue Schulleiter in diesem Bett, da merkte er, dass es nicht ganz so bequem war, als dass es ihm keine pädagogischen Alpträume verursacht hätte.
Dem vordringlichen Ziel, zunächst Klassenzimmer in ausreichender Zahl zu schaffen, waren die Schülerübungsräume für die naturwissenschaftlichen Fächer zum Opfer gefallen. Hier war jetzt dringend Abhilfe nötig. Die ohnehin nur kleine Turnhalle musste in vielen Stunden von einer Jungen- und einer Mädchenabteilung gleichzeitig benutzt werden, weil eine Gymnastikhalle fehlte. Ein Werkraum war nicht vorhanden, und der Handarbeitsunterricht wurde in einem provisorisch eingerichteten Kellerraum erteilt. Es fehlte auch ein gedeckter Pausengang.
Damit dürfte hinreichend gekennzeichnet sein, dass bei aller Anerkennung für die Aufbauleistung der vergangenen Jahre doch noch manche Wünsche offen waren. An den Wiederaufbau musste sich jetzt der Ausbau anschließen, um die äußeren Voraussetzungen für einen optimalen Unterrichtseffekt zu schaffen und auch dadurch den hohen Leistungsstand zu sichern, den die Schule bei meiner Amtsübernahme hatte. So wuchs denn in vielen Gesamt- und Fachkonferenzen und Besprechungen mit der Stadt als Schulträger allmählich der Plan, das Schulgebäude nach der Hofseite hin zu erweitern und dadurch die Räume zu schaffen, die noch auf der Wunschliste des Kollegiums standen.
Bei dem Umfang, den dieses Projekt allmählich angenommen hatte, war es klar, dass die Stadt sich nicht in der Lage sah, auch bei einem erheblichen Landeszuschuss einen solchen Erweiterungsbau zu finanzieren. Retter in der Not war Landrat Dr. Haarmann, der sich dafür einsetzte, dass der Kreis Stormarn (ein hoher Prozentsatz von Schülern kam nicht aus Bad Oldesloe, sondern aus dem übrigen Kreisgebiet) sich an den Kosten angemessen beteiligte und dass außerdem ein Zuschuss aus dem Förderungsfonds Hamburger Randgebiet floss. Kurz vor meiner Berufung ins Kultusministerium nach Kiel hatte ich noch die Freude, zu erleben, dass der Erweiterungsbau begonnen wurde, und bei meiner offiziellen Verabschiedung am 19. Oktober 1963 konnte ich aus Kiel die Genehmigung für den zweiten und dritten Bauabschnitt mitbringen.
Neben dem Bemühen um den Ausbau der Schule muss als herausragendes Merkmal meiner Amtszeit erwähnt werden, dass es einen besonderen Anlass zum Feiern gab, zwar kein hundertjähriges Jubiläum wie jetzt, aber immerhin ein fünfzigjähriges. Im Februar 1962 konnte der fünfzigste Abiturientenjahrgang die Theodor-Mommsen-Schule verlassen, und das war wahrlich Grund genug, das fünfzigjährige Bestehen der Schule als Vollanstalt durch eine kleine bescheidene Feier - so hatte es die Schule geplant - aus dem Schulalltag herauszuheben. Aber es sollte anders kommen. Wieso und warum, mögen folgende Sätze zeigen, die ich dem Berichte des Kollegen Behrendt über das Jubiläum entnehme (abgedruckt im Jahresbericht 1962 / 1963):
"Es ergab sich, dass die Theodor-Mommsen-Schule gar nicht jenes Häufchen von 480 Schülern und 30 Lehrkräften war, sondern dass draußen in den Landen eine weitaus größere Zahl von "Schulkindern" saß, die in lebendigem Interesse an der Schule fragten, wann denn das große Jubiläum sei und wie es gefeiert würde. Und da leuchtete plötzlich von dem Umfang der Anhängerschaft und ihrer Verbundenheit zur Schule so viel auf, dass die Schule recht verwundert die Bedeutung dieses Tages zu begreifen begann - ... So entstand der Plan, in dieser Jubiläumsfeier etwas von der großen Anhänglichkeit an die Schule zu zeigen. Das Jubiläum sollte zu einer Begegnung der gegenwärtigen Schule mit den Schulkindern der Vergangenheit werden."
Dass diese Absicht gelang, zeigte sich deutlich am Festtag, dem 30. April 1962. Die Aula konnte kaum die große Zahl der Ehemaligen fassen, die von nah und fern gekommen waren. Unter ihnen befanden sich 5 "goldene Abiturienten", nämlich die Herren Bube, Dr. Harders, Dr. Hiller, Dr. Krellenberg und Dr. Schröder; ja noch mehr: Unter den Gästen weilten auch vier Lehrer jener goldenen Abiturienten: Die Herren Prof. Dr. Benner, Läpple, Prof. Dr. Sabban und Dr. Vogler. Bewusst war auf eine "Festrede" verzichtet worden. Stattdessen erzählten Herr Dr. Vogler und Herr Läpple von der alten Schule, ihrem Kollegium und dem damaligen Schulalltag. Dadurch wurden bei den Ehemaligen viele alte Erinnerungen geweckt, und sie dankten dies ihren damaligen Lehrern mit reichem Beifall. Wie stark die Eltern der Schülergeneration von 1962 sich der Schule verbunden fühlten, kam darin zum Ausdruck, dass sich nach den Grußworten des Elternbeiratsvorsitzenden, Herrn Dipl.-Ing. Pawelzik, die Türen der Aula öffneten und ein Konzertflügel als Geschenk der Eltern an die Schule (mit Beihilfen von Stadt, Kreis und Kreissparkasse) zu aller Überraschung hereingeschoben wurde. Wer nun noch den geringsten Zweifel hegte, dass hier ein großes Schulfamilienfest gefeiert wurde, der brauchte abends nur einen Blick in den Saal des Oldesloer Hofes zu werfen, wo alt und jung, Ehemalige, Schüler, Eltern und Lehrer bei froher Geselligkeit und Tanz eine lange Nacht verlebten.
Zurück vom Schulfest zum Schulalltag. Es klingt heute fast wie ein Märchen, wenn in der Zeit, über die ich als Chronist zu berichten habe, das für die einzelnen Klassen vorgeschriebene Fächer- und Stundensoll fast vollständig erfüllt werden konnte, und nur hinter vorgehaltener Hand darf ich aussprechen, dass wir eine Zeitlang eine Lehrkraft mehr hatten, als uns nach der amtlichen Messzahl zustand.
Natürlich - wie könnte es anders sein - gab es auch während meiner Schulleiterzeit Reformen, eigentlich mehr sogar als für einen ungestörten Fortgang gedeihlicher pädagogischer Arbeit zuträglich waren. Ich erinnere nur an die Neuordnung der Oberstufe, die 1961 auf Grund der sogenannten "Rahmenrichtlinien" durchgeführt werden musste. Sie brachte unter anderem die Einführung des Wahlpflichtfaches für die Primen und die Vorverlegung der Gabelung in den sprachlichen und mathematischen Zweig von der Obersekunda nach Obertertia, eine Regelung, deren pädagogische Zweckmäßigkeit ich nie eingesehen habe. Ich habe dann auch nach meiner Übersiedelung ins Kultusministerium mein Teil dazu beigetragen, dass diese frühe Gabelung wieder rückgängig gemacht wurde.
Im Rhythmus des Schuljahres gab es einige Glanzlichter, die bereits ihre Tradition hatten, als ich an die Schule kam: Das war einmal das Theodor-Mommsen-Fest, das Herr Alshuth immer mit einer Oratoriumsaufführung einleitete, das dann am nächsten Tag in einer Schulfeier mit Festvortrag seinen Höhepunkt hatte und mit einem Festball abschloss, und zum anderen die Feier der Abiturientenentlassung. Die heutige Schülergeneration mag darüber lächeln; aber zur damaligen Zeit wurde diese Art der Entlassung noch von allen Teilnehmern als echte Feier empfunden.
Damit bin ich am Ende dessen, was mir für meine Amtszeit erwähnenswert zu sein scheint. Zum Schluss meines Berichtes sei mir aber noch ein persönliches Wort gestattet.
Im Herbst 1963 teilte mir Kultusminister Osterloh seine Absicht mit, mich in sein Ministerium zu berufen, räumte mir aber die Möglichkeit ein, dieses Angebot abzulehnen. Damit stand ich vor einer schweren Entscheidung; denn mir war klar, dass ich den unmittelbaren Kontakt mit Schülern und Kollegen entbehren würde.
Aber die Überlegung, dass man sich der größeren Aufgabe und Verantwortung stellen müsse, gab den Ausschlag dafür, dass ich am 1. Oktober 1963 nach Kiel übersiedelte. Wenn ich jetzt als Ruheständler auf mein berufliches Wirken zurückblicke, haben die Jahre, die ich als Schulleiter tätig war, mir die größte innere Befriedigung gebracht. Dafür danke ich den Schülern, den Eltern, meinem Vertreter Oberstudienrat Schlegel und nicht zuletzt allen Kolleginnen und Kollegen der Theodor-Mommsen-Schule.