Schule im Wandel (1964 bis 1975)

OStD Hans-Jürgen Siepermann Porträt Hans-Jürgen Siepermann
Bei seinem Amtsantritt zu Beginn des Schuljahres 1964 / 1965 konnte der neue Direktor ebensowenig wie sonst jemand ahnen, dass mit diesem Jahr eine Wende im Geschick unserer TMS eintrat. Bildungswerbung, geschärftes Bewusstsein für den Wert einer unverlierbaren Bildung bzw. Ausbildung, Streben und Bestreben nach Chancengleichheit, Entschärfung und später Wegfall der Aufnahmeprüfungen bewirkten einen verstärkten Zustrom zu den Gymnasien, der sich in ständig steigenden Schülerzahlen auswirkte. Näheres hierüber sagt die Statistik, aus der ich nur zwei Grenzwerte herausgreife:
1964 sind 472 Schüler in 19 Klassen,
1974 sind 977 Schüler in 36 Klassen.
Leider stieg die Zahl der Lehrkräfte nicht im gleichen Maße. Hatten wir 1964 bei 19 Klassen 32 Lehrkräfte, so waren es 1974 zu Beginn des Schuljahres bei 36 Klassen nur 42. Allein daraus ersieht man, mit welchen Schwierigkeiten die Schule bei einer so explosionsartigen Entwicklung fertig werden musste. Zunehmende Unterrichtsausfälle waren die Folge und beschäftigten Schule, Eltern und Öffentlichkeit immer mehr. Zunächst jedoch stand das Raumproblem im Vordergrund, die steigenden Klassenzahlen mussten in gleichbleibender Raumzahl untergebracht werden, und in zunehmendem Maße wurden naturwissenschaftliche und andere Fachräume als normale Klassenräume herangezogen, worunter natürlich der entsprechende Fachunterricht erheblich zu leiden hatte. Es bedurfte harten Einsatzes von Schule und Eltern, um vom Schulträger 1968 und 1970 zwei Schulpavillons mit je zwei Unterrichtsräumen bewilligt zu bekommen, die eine gewisse Erleichterung schufen, bis dann 1971 die Realschule einen eigenen Neubau jenseits der Grabauer Straße bezog und dadurch ihr bisheriges Gebäude für uns freimachte. Nun endlich hatten wir Platz genug. Freilich entstanden infolge der Weitläufigkeit unseres Systems neue Schwierigkeiten, mit denen wir auch erst fertig werden mussten, insbesondere traten Aufsichtsprobleme auf. Leider mussten wir sehr bald einen unserer Pavillons leihweise wieder abtreten, zunächst an die Kreisberufsschule, jetzt an die Realschule, so dass wir schon wieder vor Raumproblemen stehen, denen wir wahrscheinlich nur durch Einrichtung von Wanderklassen begegnen können.
Wohl keiner, der unserer Schule in den letzten zehn Jahren angehört hat, kann sie sich ohne Bautätigkeit vorstellen. In den ersten Jahren meiner Amtszeit wurden der zweite und dritte Bauabschnitt, die noch von Herrn Dr. Tiedemann vorbereitet worden waren, durchgeführt. Das bedeutete die Schaffung eines neuen Lehrerzimmers, mehrerer Klassenräume, eines neuen Zwischentraktes zwischen Hauptgebäude und Turnhalle, die Generalüberholung der Turnhalle und den Neubau einer Gymnastikhalle. Besonders lästig war hierbei, dass der Abriss und der Wiederaufbau des Zwischentraktes infolge eines sehr harten Winters etwas mehr als ein volles Jahr dauerte, so dass ein Jahr lang jeder Weg zur Toilette mit einer Wanderung über den Schulhof verbunden war. Auch sonst gab es manche Kuriosität; ich erinnere nur daran, dass wir unsere Turnhalle eine Zeitlang mit einem Getreidesilotrockengebläse beheizen mussten, das zwar ausreichende Wärme, aber auch geradezu höllischen Lärm produzierte. 1967 lautete unsere Bilanz: "Mit erheblichen finanziellen Aufwendungen hat die Stadt Bad Oldesloe im Laufe der letzten Jahre eine Anzahl zweckmäßiger und schöner neuer Räume geschaffen und eingerichtet, die der Planung entsprechend voll ausreichen, um den an einem zweizügigen, d.h. l8-klassigen Gymnasium erforderlichen Unterricht ordnungsgemäß zu erteilen. Das sei mit allem schuldigen Dank und Respekt für die Opfer des Schulträgers klar herausgestellt. Es fällt nicht leicht, im gleichen Atemzuge ebenso deutlich darauf hinweisen zu müssen, dass die räumliche Notlage der Schule größer ist denn je. Diese Notlage führt zu Manipulationen in der Unterrichtsverteilung und im Stundenplan, die pädagogisch kaum bzw. gar nicht zu verantworten sind und zur Heranziehung von in Herstellung und Ausstattung teuren Fachräumen als Normalklassen zwingt. Es zeigt sich immer deutlicher, dass mit einer kleinen Lösung keine Abhilfe mehr zu schaffen ist.
Die sich ständig verschlechternde Lage der Schule führte dazu, dass der Kreis Stormarn sich bereitfand, der Schule bzw. der Stadt für die Schule mit einer erheblichen Summe auszuhelfen, so dass nach sorgfältiger, umfangreicher Vorplanung im Sommer 1969 die sogen. Sanierung der Schule pünktlich beginnen konnte und die "ewige Baustelle" eine ungeahnte Wiederbelebung erfuhr. Die unterrichtlichen Beeinträchtigungen, wozu auch mehrfache Ferienverlängerungen gehörten, die Nervenbelastungen für Schüler und Lehrer erreichten ein bis dahin kaum gekanntes Ausmaß und hielten das ganze Schuljahr und darüber hinaus an.
Manches ist natürlich schiefgelaufen, manches findet auch heute nicht ungeteilten Beifall, z.B. das eintönige Weiß der Flure und Treppenhäuser und auch die Schulhofgestaltung. Dennoch war am Ende des Schuljahres mit seinem manchmal fast hoffnungslos erscheinenden Chaos im wesentlichen alles geschafft. Die Fachräume Chemie und Biologie sind praktisch völlig neu erstanden. Mit Hilfe von umstrittenen Doppelfenstern, Jalousetten, Schallschluckdecken und Ventilatoren ist das Luft- und Lärmproblem in den straßenseitigen Unterrichtsräumen etwas entschärft, wenn auch keineswegs gelöst worden. Klassen und Flure wurden überholt, die Ausstattung erneuert und ergänzt, die Beleuchtungsanlagen modernisiert; Parkplatz, Pausenhof und Verkehrswege wurden befestigt und ausgebaut (Springbrunnen, Sitzmauer, Grünanlagen); außerdem wurden hinter dem ehemaligen Realschulgebäude ein Klein-Handballfeld und eine Sprunggrube geschaffen; die Turnhalle wurde generalüberholt und erhielt die notwendigen Nebenräume. Im Jahre 1970 / 1971 folgten dann der Einbau eines Sprachlabors, die Umstellung der Heizung auf Erdgas und die Beschaffung von Lernmitteln in erheblichem Maß.
Das ist für wahr eine stolze Bilanz. Viel, sehr viel Arbeit und über das normale Maß hinausgehender Einsatz waren notwendig, um das zu erreichen. Und lang ist die Liste derer, denen herzlicher Dank gebührt: den Geldgebern, vor allem dem Kreis Stormarn, den planenden und ausführenden Stellen der Stadt Bad Oldesloe, vor allem dem Bauamt, den ausführenden Firmen; innerhalb der Schule: den planenden Fachgremien, die sich bis ins Detail auch um die Ausführung kümmern mussten und zahllose Überstunden erbrachten, unserem Hausmeister, der wie schon so oft seine Urlaubsansprüche zurückstellte, um mit Rat und Tat zur Verfügung zu stehen, und schließlich allen Damen und Herren des Kollegiums, die die oft unerträglichen Störungen und Beeinträchtigungen zwar keineswegs immer mit Gleichmut - wer wollte das verlangen! - schließlich aber doch mit bemerkenswerter Disziplin ertragen haben.
An dieser Stelle sei mir gestattet, meinen Mitarbeitern im engeren Sinne, die den zermürbenden Kleinkram mit unendlicher Geduld und Ausdauer bewältigt haben, besonders zu danken: meinen beiden Stellvertretern, den Studiendirektoren Dr. Brandstätter und Heinz Schmidt - seit kurzem den Herren Rudolf Timm und Jürgen Kalfack. Dank auch der guten Seele in der Schaltstelle der Schule, dem Sekretariat, Frau Luise Krüger, die soeben nach über zehnjähriger treuer Tätigkeit in den Ruhestand getreten ist und von den Damen Wallbaum und Doepner abgelöst worden ist. Schließlich - last but not least - danke ich unseren ebenso unersetzlichen Hausmeisterehepaaren Schnack und Reher, deren Aufgabenbereich jetzt das Ehepaar Thiede übernommen hat.
Trat nach dieser Sanierung zunächst eine gewisse Ruhe ein, so wurden wir 1974 von der Tatsache überrascht, dass die Aula wegen Einsturzgefahr des Fußbodens gesperrt werden musste. Der Einbau eines neuen Fußbodens, der gleichzeitig den darunterliegenden nagelneuen Chemieraum blockierte, brachte dann die üblichen Schwierigkeiten und Unterrichtsstörungen mit sich. Im Augenblick scheint es, als ob auch die Fußböden der sonstigen Klassenräume im Laufe der Zeit erneuert und erhebliche Bauschäden im dritten Obergeschoss beseitigt werden müssten, so dass auch in den kommenden Jahren bauliche Störungen des Unterrichts als "gesichert" angesehen werden können.
Vor diesem Hintergrund äußerer Gegebenheiten, die dennoch das Schulgeschehen ganz erheblich beeinflussten, spielte sich das eigentliche pädagogische Geschehen ab, das durch folgende Hauptereignisse gekennzeichnet ist:

  • Die von Dr. Tiedemann bereits erwähnten Rahmenrichtlinien wirkten sich voll aus, d.h. die Gabelung in einen mathematischen und sprachlichen Zweig setzte bereits in Obertertia ein; die Primaner konnten im beschränkten Umfang Fächer abwählen und damit die Zahl der Prüfungsfächer herabsetzen, andererseits mussten sie sich ein Wahlpflichtfach aussuchen.
  • Im Jahre 1966 wurde die Umstellung des Schuljahres auf den Herbstbeginn angeordnet, und zwar in der Form, dass zwei Kurzschuljahre von je acht Monaten eingerichtet wurden. Das hieß unter anderem, dass die Schule innerhalb von 18 Monaten dreimal das Abitur abnehmen und alle sonstigen Maßnahmen, die mit Schuljahresende verbunden sind, durchführen musste. Was das für Schüler und Kollegen bedeutete, kann nur der "lnsider" beurteilen. Noch heute bin ich der Meinung, dass es seiner Zeit besser gewesen wäre, das Schuljahr 1966 / 1967 um drei Monate zu verlängern, also ein Langschuljahr anzuordnen. Das hätte auch bezüglich der Überlastung der Universitäten usw. eine erhebliche Erleichterung mit sich gebracht.
  • Im Jahre 1967 wurde eine Nachholprüfung für Quarta bis Obertertia eingeführt. Damit wird dem Schüler Gelegenheit gegeben, unter bestimmten Voraussetzungen Fehlleistungen durch eine Nachprüfung zu Beginn des nächsten Jahres auszugleichen und so nachträglich die Versetzung zu erreichen. Nach unseren Erfahrungen war dies nur eine bedingt erfolgreiche Maßnahme, weil die Schüler, die die Nachholprüfung bestanden, in der Mehrzahl der Fälle im Jahre danach wiederum Misserfolge aufzuweisen hatten, das heißt, dass das Problem lediglich verschoben wurde.
  • Im Jahre 1969 wurde die Eingangsstufe für die Klassen Sexta und Quinta eingeführt. Diese beiden Klassen wurden als pädagogische Einheit angesehen, zwischen ihnen gab es keine Versetzung, so dass die erste Versetzung erst am Ende der Quinta nach zweijährigem Besuch der Unterstufe stattfand.
  • Im Jahre 1971 wurde die Orientierungsstufe eingeführt, deren Regelung noch heute Gültigkeit hat. Sie bedeutet, dass es keine Aufnahmeprüfung mehr gibt. Statt dessen sollen die beiden ersten Jahre dazu dienen, dass sich Schüler, Eltern und Lehrer über das wahre Leistungsvermögen des Schülers hinreichend orientieren können, so dass spätestens am Ende dieser Zeit der Schüler endgültig der Schulform zugeführt werden kann, die für ihn als die geeignetste erscheint. Das erfolgt ggf. auf dem Wege der sogenannten Schrägversetzung, die von jeder Schulart auf jede andere erfolgen kann. Abgesehen davon, dass der Andrang zum Gymnasium zu groß geworden ist und dass daher zu viele Kinder statt einer punktuellen nunmehr zwei Jahre lang einer permanenten Prüfungssituation ausgesetzt sind, hat sich das Verfahren einigermaßen bewährt.
  • Im Jahre 1970 wurde eine neue Reifeprüfungsordnung erlassen, die eine weitere Einschränkung der Prüfungsfächer für den Abiturienten mit sich brachte. Außerdem werden dem Prüfling seine bisherigen Ergebnisse etwa 14 Tage vor der Prüfung bekanntgegeben, und ihm wird eine gewisse Wahlmöglichkeit bezüglich der mündlichen Prüfungen eingeräumt.
  • Schließlich wurde mit Beginn des Schuljahres 1970 die reformierte Oberstufe, auch Studienstufe genannt, in Schleswig-Holstein auf breiter Basis als Schulversuch freigegeben. Zugleich wurde die pflichtgemäße Einführung ab 1972 in Aussicht gestellt. Unsere Schule, die zu eben dieser Zeit durch das unterrichtliche Inferno der Sanierung gegangen war und noch ging, beschloss, zunächst weiter am Aus- und Aufbau der materiellen Voraussetzungen zu arbeiten - dazu gehörte nach der Sanierung der Naturwissenschaften z.B. die Schaffung unserer Mediothek (zentrale Arbeitsbücherei, Magazin und Ausgabe von Unterrichtsmitteln) - und die Erfahrung der Schulen, die sich für die sofortige Einführung entschieden hatten, abzuwarten und auszunutzen. Diese unsere Entscheidung ist von vielen, die darin eine Rückständigkeit oder mangelnde Reformbereitschaft sehen zu müssen glaubten, kritisiert worden und hat - im Zusammenhang mit der politischen Unruhe jener Jahre - auch zu öffentlicher Polemik geführt. Im Rückblick können wir dennoch wohl feststellen, dass unsere damalige Zurückhaltung richtig war; denn gerade zu der Zeit, als die Einführung der neuen Oberstufenreform allgemein erfolgen sollte (aber nicht erfolgte), steuerte der Lehrkräftemangel der Gymnasien im allgemeinen und der TMS im besonderen auf seinen ersten Höhepunkt zu, während die Schülerzahlen ungehemmt weiter in die Höhe schnellten (vgl. Statistik). Wir hätten, trotz der amtlichen Herabsetzung der Stundensollzahlen, unmöglich eine halbwegs vollwertige Studienstufe aufziehen können, ohne den Unterricht in den Klassen der Mittel-, ja auch der Orientierungsstufe in unverantwortlicher Weise zu kürzen. Mussten wir doch sowieso bis zu 18,2%, d.h. 5 Stunden pro Klasse im Durchschnitt oder 1 Stunde pro Tag und Klasse (1973 / 1974), vom ohnehin gekürzten Soll der Unterrichtsstunden aufgrund unserer örtlichen Gegebenheiten ausfallen lassen!

Hier sei erinnert an Herrn Dr. Tiedemann, der eine Zeitlang eine Lehrkraft mehr hatte, als ihm zustand.
Wir haben statt dessen neben der materiellen Vorbereitung der Studienstufe im stillen manchen Unterrichtsversuch im Sinne der Studienstufe durchgeführt, ohne uns vorerst des Etiketts eines "konventionellen" Gymnasiums zu entledigen. Dabei war unsere zentrale Arbeitsbücherei mit ihren seminarartigen Arbeitsmöglichkeiten eine erhebliche Hilfe. Um diese Möglichkeit voll nutzen zu können, fehlt leider noch eine wesentliche Voraussetzung: eine ständige bibliothekarische Hilfskraft, die die ganze Bibliothek und Mediothek verwaltet und ständig offenhält, so dass diese Einrichtung - und das ist ihr konzeptioneller Schwerpunkt - jedem Schüler jederzeit, auch nachmittags, zur Verfügung steht. Wird hier an der richtigen Stelle gespart? In Frankreich z.B. gibt es Schulen, bei denen das Verhältnis zwischen Lehrkräften einerseits und Hilfs- und Verwaltungskräften anderseits die Größenordnung 2:1 erreicht. Damit wird teure Arbeitszeit von Lehrkräften frei für ihrer Ausbildung gemäßere Aufgaben.
Soweit aus den Unterlagen erkennbar, besteht seit 1955 der gute Brauch an der Schule, einen ausländischen Assistenten aufzunehmen. Davon haben beide Seiten ihren Vorteil: die Schüler, die die Fremdsprache im Original kennenlernen, der Assistent, der - meistens als Germanist - das Land, dessen Sprache er lehrt, aus eigener Anschauung kennenlernt. Dieser Brauch wurde 1967 wegen der zunehmenden Schwierigkeiten innerhalb der Schule unterbrochen mit Rücksicht auf die Verantwortung für diesen Assistenten. Jedoch besteht die Absicht, mit dem neuen Schuljahr 1975 / 1976 wieder darauf zurückzukommen und dann wieder im Wechsel französische und englische Assistenten an der Schule zu haben. Außerdem gehen seit Jahren normalerweise drei bis vier Oberstufenschüler für ein Jahr nach Amerika und sind bei ihrer Rückkehr meistens eine wesentliche Bereicherung für die Schule, von der auch die Mitschüler erheblich profitieren. Wir hatten außerdem die Freude, mehrere Jahre hintereinander - gewissermaßen als Dank für die freundliche Aufnahme unserer Schüler drüben - auch amerikanische Schüler in unserer Schule aufnehmen zu können. Wir glauben und hoffen, dass es ihnen bei uns gut gefallen hat und dass wir damit einen kleinen Gegendienst haben leisten können.
Auch im Innenleben der Schule, im Zusammenleben und im Zusammenwirken von Lehrern, Schülern und Eltern gab es im Laufe der letzten zehn Jahre ganz wesentliche Veränderungen. Der Prozess der Demokratisierung macht auch vor der Schule nicht halt. So gab es im Jahre 1969 einen neuen Erlass, In dem den Eltern erheblich erweiterte Möglichkeiten und Rechte in der Mitwirkung und Mitbestimmung am Schulgeschehen eingeräumt wurden. Es gab im Jahr 1971 eine neue Konferenzordnung, in der auch dem Kollegium erweiterte Mitbestimmungsrechte zugewiesen wurden, und es gab schließlich im Jahre 1969 und wiederum 1974 eine neue Ordnung für das Verhältnis zwischen Schule und Schüler. Aus der SMV (Schülermitverantwortung) wurde die SV (Schülervertretung). Allein aus dieser Änderung in der Bezeichnung wird deutlich, welche neuen Aufgaben und Rechte der Schülerschaft jetzt zugedacht und zugewachsen sind.
Die schulinterne Entwicklung dieser Frage verlief nicht undramatisch. Beginnend im Jahre 1968 machte sich der von den Universitäten ausgehende radikale Einfluss auch an der TMS bemerkbar. Die Schülervertretung beanspruchte ein weit über das normale Maß hinausgehendes politisches Mandat und war unter dem zum Teil unmittelbaren Einfluss der revolutionären Studentenschaft darauf aus, die Schule, ja das gesamte politische System zu stürzen. Sie waren in der Wahl ihrer Mittel keineswegs zimperlich, Flugblätter und Zeitungsartikel mit Ehrabschneidung, Diffamierungen und Verunglimpfungen von Schule, Schulleitung und einzelnen Lehrern waren fast an der Tagesordnung und führten zu erheblicher Beunruhigung, auch der Elternschaft, die sich dankenswerter Weise fast einmütig auf die Seite der Schule stellte und diese gegen allzu heftige Angriffe in Schutz nahm.
Nach etwa drei Jahren starb die Generation der Revoluzzer anscheinend aus, das Bedürfnis nach Ruhe und gezielter Arbeit machte sich auch bei den Schülern wieder bemerkbar, und so können wir heute eine wesentliche Beruhigung der Lage feststellen. Geblieben ist eine kritische Offenheit der Schüler, die sich durchaus nicht scheuen, deutlich zu sagen, was ihnen nicht gefällt und was sie anders haben möchten; und schon mancher brauchbare Vorschlag ist von ihnen gekommen und in die Tat umgesetzt worden. Es ist erkennbar eine Verbesserung der Atmosphäre eingetreten. Auf der Basis gegenseitiger Anerkennung gehen wir alle freier und menschlicher miteinander um.
Auch das verfassungsmäßige Zusammenspiel der drei Grundsäulen der Schule Lehrer, Eltern, Schüler hat sich eingespielt und funktioniert, wie ich glaube, zu aller Zufriedenheit. Eltern und Schüler sind mit je fünf stimmberechtigten Vertretern neben dem Kollegium in der Schulkonferenz vertreten und haben somit ein erhebliches Gewicht in Diskussionen und bei Abstimmungen. Der Umfang und die Schwerfälligkeit dieses Apparates bringen allerdings mit sich, dass die Vorberatungen zu einem erheblichen Teil in die einzelnen Gremien: Dienstbesprechung, Schülerparlament, Elternbeirat verlegt werden müssen.
Wer das sich aus meinem Bericht ergebende Bild vergleicht mit der Schule, die Herr Dr. Tiedemann bei seiner Berufung nach Kiel hinterließ, sieht sofort, dass diese beiden Schulen nur noch wenig oder gar nichts mehr miteinander gemein haben. Die Fülle und das Tempo der Veränderungen führten zu einer Hektik im schulischen Dasein, die kaum noch übertroffen werden kann, zu einer Belastung und Überlastung der Lehrkräfte, die nur der beurteilen kann, der die Entwicklung mitgemacht hat. Und eben diese Hektik ist Gift für die Schule. Das Wort "Schule" kommt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie Muße - Muße, die für die Beschäftigung mit geistigen und künstlerischen Dingen und für pädagogische Arbeit absolut unerlässlich ist. Und von eben dieser Muße kann in der heutigen Schule, auch an unserer TMS, wirklich nicht mehr die Rede sein, an ihre Stelle ist schlechthin Hektik getreten. Die Schulleitung konnte in den vergangenen Jahren nur wenig tun, als sich immer wieder zu bemühen, die Voraussetzungen für effektiven Unterricht zu verbessern, zu erhalten oder überhaupt erst wieder herzustellen. Den - wenn man so will - zeitweilig ans Chaotische grenzenden Verhältnissen fiel leider auch vieles zum Opfer, was in den Nachkriegsjahren zu einer wertvollen Tradition geworden war: das Mommsen-Fest, der gedruckte Jahresbericht, die Abiturientenentlassungsfeier, die Schultheateraufführungen, über den Pflichtunterricht hinausgehende Arbeitsgemeinschaften. Am längsten hielten sich noch die Konzerte, die zuletzt aber an der Finanzierung scheiterten. In einem Satz gesagt: Vieles, was einem Schulleben Glanz und Farbe zu geben vermag, was Schüler und Lehrer zu freudigem gemeinsamen Tun zusammenführt, wurde ein Opfer der Verhältnisse. Der Schulalltag wurde farbloser und grauer und hatte nun auch für Lernwillige keinen großen Reiz (Motivation) mehr. Wenn trotzdem eine ganze Anzahl von Arbeitsgemeinschaften aller Art immer wieder zustande gekommen ist, so ist das der Einsatzbereitschaft der Kollegen zu verdanken, die im Hinblick auf den pädagogischen Wert solcher Gruppenarbeit viele Oberstunden leisteten. Das Schuljubiläum gibt uns nun darüberhinaus die willkommene Gelegenheit, manches Wertvolle wieder aufzugreifen, und wir hoffen sehr, dass es gelingt, einiges davon in eine bessere Zukunft hinüberzuretten.