Das Haus 1937

von Oberstudienrat Dr. Ursinus (Auszug aus der Festschrift 1937)

"Motto: Dort, hinter diesen Fenstern, verträumt ich den ersten Traum."

Gebäude1Gebäude2

Aus vergilbten Akten entnahm ich, dass die Schulbehörde im Jahre 1906 das altehrwürdige Gebäude auf dem Mährischen Berge, selbst wenn es umgebaut würde, nicht mehr für ausreichend hielt. Sie riet zu einem Neubau, da andernfalls die Stadt Bad Oldesloe "sich die Möglichkeit abschneiden würde", die Schule in absehbarer Zeit zu der ersehnten Vollanstalt auszubauen. Am 26. April des genannten Jahres beschlossen deshalb die städtischen Kollegien (und zwar einstimmig!) einen Neubau, der auch die für eine Oberrealschule nötigen Räume enthielte. Baupläne auswärtiger Musteranstalten wurden eingefordert, die neuen Oberrealschulgebäude in Kiel und Heide besichtigt, wobei vermutlich das neuzeitliche Kiel besonderen Eindruck hinterließ; denn eine Kieler Anstalt stellte für unsere Schule offenbar das Vorbild. Das Bauamt entwarf den Plan, und ein Regierungsbeauftragter änderte ihn ab. 1907 wurden die Arbeiten ausgeschrieben und innerhalb zweier Jahre durchgeführt. Die ehemaligen Schüler stifteten die Uhr mit Schlagwerk. Getreulich meldete sie seitdem der Öffentlichkeit die Zeit und rief Lehrer und Schüler zur Pflicht, obwohl die Sage meint, im Monat vor den Versetzungen und Prüfungen gehe sie viel zu langsam. Die Kosten des ganzen Baues betrugen über 275 000 Reichsmark, dazu die der Einrichtung 36 000. Alle Achtung vor der Entschlusskraft der damaligen Oldesloer Väter!
Zu deiner Freude könntest du in den alten Papieren weiter lesen, dass der erste Oberstufen-Jahrgang auf dem vorderen Rasen zwei junge Eichen pflanzte, die dem Kneeden entstammen. Heute sind sie zu stattlichen Bäumen herangewachsen, zwei freundliche Mahnerinnen, der Anstalt immer Treue und Ehre zu erweisen. Möge, will's Gott, die gestiftete Uhr droben noch oft schlagen, und möchten die Eichen drunten noch recht lange grünen!

Gebäude3Nachdem du die gut gepflasterte Salinenstraße durchlaufen, den veränderten Vorgarten geprüft, stehst du vor dem lieben Hause und siehst mich fragend an ob der baulichen Veränderungen. Gewiss, es tat uns leid um den Turm. Er bot eine wirklich prächtige Aussicht auf die grüne Umwelt, wenn ihn auch nur wenige erklettert haben. Er gehörte (auch damit hast du recht) als weithin sichtbares Wahrzeichen Bad Oldesloes nun einmal zum Landschaftsbild. Leider war er nicht zu halten, weil sich die schwächlichen Dachbalken unter seiner Last und Unruhe bogen, verschoben und drehten. Auch Türme haben ihre Schicksale: Der eine möchte sie gerne bauen; der andere freut sich, wenn er sie los ist, so auch unser rühriger Bauausschuss. Die neue Zeit ist eben sachlich und bescheiden; das neue Dach will nicht mit "Hochleistungen" prahlen, sondern die ihm anvertraute Jugend nur schützen und hegen; die neue Schule will nicht herrschen, sondern dienen. Deshalb schweigt der Klabautermann im Dachstuhl, und ins Gebälk des Daches ist endlich Ruhe eingekehrt; Ruhe herrscht auch in der ganzen Mansarde, da die drei protzigen Giebel mit den schweren Sandsteinverzierungen, die schwankenden Mitarbeiter am Zerstörungswerk, endlich und mühsam gestürzt sind. Freilich, die oben benannte Uhr wieder passend hinzubringen, war schwierig. Weder sollte ihr Ticken die Feierstille der Aula stören, noch ein neuer Hochgiebel entstehen. So geriet sie notwendig in die "Klemme". Nach außen hat der Maurer das Haus sorgsam abgedichtet, so dass kein Sturm mehr durch die offenen Mauerfugen bläst. Für den mehligen "Porzellanmörtel" bekamen sie Zement, der selbst den Taschenmessern unserer Jungens standhält. So wurde auch das Schulhaus hart und fest, und zwar von innen heraus, nicht nur obenhin. Dass zum Empfang der Besucher der Maler Farben und Öle nicht sparte, kann jeder sehen.
"Wie noch immer die veralteten Sinnbilder, Biene und Schnecke, am Eingang?" Jawohl, aber aus dem dunklen Zusammenhang der Akten soll sich ein anderer Sinn ergeben haben. Die hochweise Regierung hatte nämlich West-Ost-Richtung des Hauptgebäudes verlangt, damit die Front der Klassen schön sonnig nach Süden liege. Als nun die noch weisere Kommission besagte Frage an der Straße beriet, rief einer, auf zwei kleine Tiere zeigend: Wo sich Immen sonnten und Schnecken verkröchen, sei es auch für unsere Jungens warm genug. Sonst dächten sie doch nur gleich an Hitzefrei. So wurde denn die Front nach Osten gebaut; Schnecke und Biene aber bekamen ihr Denkmal.
Über dem Eingang flattert an festlichen Tagen die Fahne der HJ, zugleich eine schöne Erinnerung daran, dass unsere Schule mit zuerst zu denen gehörte, deren Schülerschaft fast vollzählig mit der Bewegung marschierte.
Im Innern beginnen die verblichenen Zierranken von den Gewölben zu verschwinden; die schwächlichen Türrahmen sind herausgebrochen und Zementfüllungen mit Eisenrahmen eingebaut.
In deine einstigen Klassenräume triffst du lächelnd und doch mit frommen Schauder ein. Nicht wahr? Was sich für zweckdienliche und freundliche Anstriche tun ließ, ist geschehen. Sicher erkennt dein geschultes Auge in Farbe und Abtönung wenigstens den guten Willen. Weshalb ich öfter nach den Decken blicke? Weil überall der unzweckmäßige und teils zu dicke Putz, in einigen Räumen sogar die Deckensteine heruntergeschlagen und fachmännisch erneuert wurden. Hier haben die Baupfleger gründliche und teuere (37 500 Reichsmark im Bautitel 1936!), ich glaube auch dauerhafte Arbeit geleistet. War doch tatsächlich das Leben unserer Schüler durch herabstürzende zentnerschwere Putzmassen gefährdet.
Allmählich sind wohnlichere Arbeits- und Aufenthaltsräume entstanden. Geeignete Wandbilder und buntgestreifte Vorhänge beleben die alltägliche Nüchternheit. "Überall Bruch in der Penne!" kann es nun nicht mehr heißen. Die Schulbänke sind fester, auch sauberer geworden, obgleich der Kampf gegen das Bekritzeln und Sich-Verewigen zunächst fast aussichtslos schien. Wirf bitte im Vorbeigehen einen Blick in den physikalischen, den chemischen und den biologischen Arbeitsraum, dann wirst du zustimmen, dass die Schüler hier sachlich und mit Freude arbeiten können! Eine kleine Quellen- und Hilfsbücherei gibt weniger bemittelten Schülern die nötigen Quellenschriften und Arbeitsbücher freundlich in die Hand.

Gebäude4Aus der unruhig wirkenden Aula (siehe Abbildung) sind die eisernen Kronleuchter und die störenden Wandmalereien entfernt. Der Kneedenwald lieferte Holz zu neuen Leuchtern, die hiesigen Meisterhände bauten. Das warme und helle Licht des schöngeformten Hauptleuchters gibt dem Saale seine festliche Note. Führerbild, ein Sondergeschenk der Stadt, und feierliche Ruhe zogen in unseren Festsaal ein. Die wertvollen Fenster wurden neu in Blei gefasst und die Wände zum ersten Mal seit 25 Jahren wieder neu gestrichen.
Der Spielplatz ist nach Westen bedeutend gewachsen, so dass wir Raum fanden, mit dem Bau einer Hindernisbahn für Turnen zu beginnen (Geschenk eines hiesigen Meisters). In der Mitte erstand, von dankbaren Wohlfahrtsarbeitern errichtet, der von zwei Flaggenmasten bewachte Horst-Wessel-Stein (siehe Abbildung), um den sich Lehrer und Schüler versammeln, wenn es gilt, die Flagge des Dritten Reiches zu ehren. Die Schülerschaft hegt und hütet den Stein selbst und wird sich gern ihres Erbes und ihrer Pflicht bewusst.




Gebäude5Ob wir sonst noch Wünsche hegen? O ja! Ein halber Tausender würde genügen, die unteren blinden Fensterscheiben überall durch helle zu ersetzen, um den drinnen Schwitzenden den Blick in die schöne Landschaft zu öffnen. Die alte Befürchtung, dass der Junge dadurch abgelenkt werde, möchten wir kaum noch hegen. Auch fehlt eine schmutzfreie Bekiesung des Schulhofes (Schlacken, darüber grober, dann feiner Kies), damit die Räume auch nach feuchtem Wetter möglichst staubfrei bleiben. Einbau einer WC-Anlage, nebenbei mit Dusche und Fußbad, wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Flure und Turnhalle erhalten dank unserer opferbereiten Stadtverwaltung vielleicht schon in nächster Zeit einen neuen, sonnigen Anstrich.
Ganz gewiss! Bad Oldesloe kann sich mit seiner Schule auf dem Berge sehen lassen.