Umbau der TMS 1957/1958

vom Stadtbaumeister Heinemann (1958 im Jahresbericht der TMS veröffentlicht)
Das Schuljahr 1957/1958 wird in die Geschichte der Theodor-Mommsen-Schule als ein Baujahr eingehen. Das Schulgebäude wurde in diesem Jahre erstmalig seit seiner Vollendung im Jahre 1909 gründlich renoviert; es wurde um 7 Vollklassen erweitert; seine Fassade erhielt ein anderes, dem Zeitgeschmack mehr angepasstes Gesicht.

Zustand 1909Bevor nun über die Bauarbeiten im einzelnen gesprochen wird, muss vorausgeschickt werden, dass ursprünglich nur beabsichtigt war, das Gebäude zu renovieren, nicht aberszusätzliche Unterrichtsräume zu schaffen. Hierzu entschloss sich der Magistrat erst, als bei Beginn der Renovierungsarbeiten festgestellt wurde, dass der Dachstuhl nicht mehr genügend standsicher war. Die Ursache dieser ungenügenden Standsicherheit war einZustand 1925 grundlegender Konstruktionsfehler, der sich bereits beim Bau des Gebäudes eingeschlichen hatte und trotz aller Bemühungen nie ganz behoben werden konnte. So wurde, um das Dach zu entlasten, der helmartige Aufbau auf dem mittleren vorgezogenen Teil des Gebäudes, der auf den frühesten Aufnahmen noch zu sehen ist, bereits kurz nach der Fertigstellung der Schule abgebrochen. Weiter wurden zwei seitlich vorhandene Giebel entfernt und die Aulaempore für die Benutzung gesperrt. Außerdem glaubte man, durch nachträglich eingebaute eiserne Verstrebungen die Dachkonstruktion verbessern zu können. Alle diese Maßnahmen reichten jedoch nicht aus, den in Bewegung geratenen Dachstuhl zum Stehen zu bringen. Infolge dieser Konstruktion übte er nach wie vor einen derartigen seitlichen Schub auf das Mauerwerk aus, dass sich die Wände des mittleren Gebäudetraktes bereits bis zu 12 cm nach außen geneigt hatten. Eine gründliche statische Untersuchung des Dachstuhles, die von den Fachaufsichtsstellen Lübeck und Kiel eingehend geprüft wurde, ergab die vierfache Unsicherheit. Hierdurch war erwiesen, dass akute Einsturzgefahr bestand. Das Stadtbauamt, zugleich Bauordnungsamt für den Stadtbezirk, war damit gezwungen, die Aula sofort zu sperren und die Benutzung der Klassenräume nur noch bedingt zu gestatten.

Zustand 1958Zugleich stand das Stadtbauamt damit unerwartet vor einer Baumaßnahme, deren Umfang noch nicht zu übersehen und deren Finanzierung völlig unklar war. Im Interesse eines geordneten und ungehinderten Unterrichts musste schnell Abhilfe geschaffen werden. So hatten die Abbrucharbeiten möglichst während der großen Ferien zu erfolgen, weil außerhalb dieser Zeit wegen der mit den Arbeiten verbundenen Unfallgefahr die Schule hätte gesperrt werden müssen. Nur so konnten nach den Ferien die Klassen in den unteren Geschossen wieder voll für den Unterricht zur Verfügung stehen, und lediglich die Räume im oberen, dritten Geschoss brauchten für die Dauer der Bauarbeiten auszufallen. Um dieses zu erreichen, war Eile geboten, weil die statische Berechnung erst Anfang Juni vorlag und die Ferien bereits am 5. Juli begannen. In den Fachausschüssen und im Magistrat musste also schnellstens darüber entschieden werden, in welcher Weise das Gebäude wiederhergestellt werden sollte. Die Möglichkeit der Eindeckung mit einem flachen Dach über dem dritten Geschoss musste ausscheiden, weil auf vier im Jahre 1952 provisorisch eingerichtete Räume im Dachgeschoss nicht verzichtet werden konnte. Der Gedanke, für die fehlenden Klassen ein Gebäude in der Nähe der Schule zu errichten, wurde sowohl wegen der hohen Baukosten als auch deshalb, weil es an einem geeigneten Bauplatz fehlte, fallengelassen. Den Dachstuhl in seiner bisherigen Form wieder zu erstellen, widersprach dem zeitlichen Stilempfinden, außerdem wäre mit den auch hierfür erforderlichen hohen Kosten viel nutzloser Bodenraum geschaffen worden, in welchem vollwertige Klassen nicht unterzubringen gewesen wären. So entschied man sich für den Aufbau eines vierten Vollgeschosses mit flacher Eindeckung als die zweckmäßigste und billigste Lösung, die sich anbot, trotz mancher Mängel, die auch dieser anhaften. Mit dieser Aufstockung entstanden sieben vollwertige Klassenräume und eine Aulaempore, die ca. 150 Schüler fasst. Die Aula enthielt an Stelle ihres bisherigen Gewölbes eine flache Decke, die mit Schallfangplatten versehen wurde. Hierdurch entstanden gleichzeitig einwandfreie akustische Verhältnisse in diesem Raum.
Die neue Dachkonstruktion besteht aus Stahlbetonbalken. Für die Eindeckung des Daches wurden Leichtbetonspezialplatten, isolierte Korkplatten und Bitumenpappe verwendet.
Mit dieser Aufstockung musste gleichzeitig ein Umbau der vorhandenen Heizungsanlage vorgenommen werden. Zwar reichte das Leistungsvermögen der beiden vorhandenen Kessel aus, um die neu hinzukommenden Räume ausreichend zu erwärmen, nicht aber das Leitungsnetz.
Durch die unsachgemäß verlegten Heizungsstränge und Kondensleitungen wurden die den Heizungskesseln entfernt liegenden Räume nicht richtig erwärmt. Deshalb war die Anlage schon im Jahre 1926 - jedoch ohne Erfolg - überholt worden. Wenn die vorhandenen Fehler jetzt endgültig beseitigt werden sollten, blieb nichts anderes übrig, als dass fast das gesamte Rohrnetz neu dimensioniert und umgelegt werden musste. (Dieses geschah nach den Plänen eines Hamburger Heizungsingenieurs.)
Die Finanzierung eines Bauvorhabens von solchen Ausmaßen, das zudem völlig unerwartet auf die Stadt zukam und dessen Umfang, wie bereits erwähnt, schwer zu übersehen war, bereitete der Stadtvertretung und dem Kämmerer große Sorge. Ohne finanzielle Mithilfe des Landes war es der Stadt bei der Fülle der zu bewältigenden Aufgaben nicht möglich, die erforderlichen Gelder aufzubringen. Es muss hier eingeflochten werden, dass in diesem Jahre bereits mit einem Volksschulneubau begonnen war und sich ein Turnhallenneubau in Vorbereitung befand, deren Baukosten sich auf rund 750 Tausend Mark beliefen. Außerdem waren für Straßenbaumaßnahmen in Wohnsiedlungsgebieten bereits Arbeiten im Werte von 250 Tausend Mark vergeben worden. Die zuständigen Stellen der Landesregierung zeigten sich bei den Verhandlungen aufgeschlossen und sagten der Stadt großzügige Mithilfe zu. Danach erteilte der Magistrat am 9. Juli der Firma Max Giese, Lübeck, die bei einem zwischen vier Großfirmen veranstalteten Ideenwettbewerb den geeignetsten Vorschlag eingereicht hatte, den Auftrag zur Durchführung der Arbeiten. Es wird einleuchten, dass in der kurzen Zeit von nur einem Monat, die für die Vorbereitung des Bauvorhabens zur Verfügung stand, Baupläne nicht bis ins einzelne durchgearbeitet werden konnten, zumal das Stadtbauamt mit den bereits laufenden Bauarbeiten überlastet war. Dieser Mangel hemmte zwar den Baufortschritt nicht, führte aber doch zu unliebsamen Überraschungen bei der Kalkulation der Baukosten. Hinzu kam, dass die Schäden am Gebäude weit größer waren, als nach den angestellten Untersuchungen angenommen werden konnte, so zum Beispiel, dass sich die Decken nicht als genügend tragfähig erwiesen. Trotz dieser Schwierigkeiten und trotz einer bereits im Frühherbst einsetzenden Regenperiode konnten die neuen Räume im März 1958 bezogen werden. Die Einweihung der neuen Aula war verbunden mit der Verabschiedung des Abiturientenjahrganges 1958.
Gleichzeitig mit diesen Bauarbeiten wurden auch die übrigen Räume des Schulgebäudes renoviert, Fenster und Türen wurden ausgebessert bzw. erneuert, die Klassenräume gestrichen und mit kratz- und schlagfesten Sockeln versehen. Die Fußböden erhielten neue Beläge. Die Beleuchtungsverhältnisse wurden durch zusätzlich angebrachte Lampen verbessert. Die Fassaden, soweit es sich um die Putzflächen handelte, erhielten einen neuen Anstrich: ferner wurden die Wasch- und WC-Anlagen modernisiert.
Die Baukosten betrugen für den Aufbau des vierten Geschosses einschließlich des Abbruches des Dachstuhles 307 000 Mark, die Renovierung des Hauses 90 000.
Die Durchführung dieser Baumaßnahme wurde dadurch erschwert, dass, wie bereits erwähnt, die Arbeiten vonstatten gehen mussten, ohne den Unterricht wesentlich zu behindern. Im Interesse der gemeinsamen Sache haben Lehrerkollegium und Bauleitung die damit für sie verbundenen Mehrbelastungen gern auf sich genommen, und es muss an dieser Stelle gesagt werden, dass die Zusammenarbeit eine ausgezeichnete gewesen ist.
Es bleibt zu hoffen, dass die Stadt bald in der Lage sein wird, auch den Bau der fehlenden Klassen - hier insbesondere des Raumes für den Werkunterricht und des Aufenthaltsraumes für Fahrschüler - finanzieren zu können.