TMS Theodor-Mommsen-Schule

Meine Woche an der Tallin Summer School

Hallo, ich bin Tom aus dem Physik-Profil. Im Juli 2024 ploppte eine E-Mail in meinem Postfach auf: Nominierung für das Nickeleit-Stipendium!

Knapp vier Monate und eine Infoveranstaltung später, schickte ich mein Motivationsschreiben ab, in dem ich ein Sommerschulprojekt zur Generativen KI skizzierte – inklusive Flug, Unterkunft im Studentenwohnheim und natürlich dem eigentlichen Kurs an der Tallinn Summer School (TSS). Anfang Dezember kam die Zusage. Ich erhielt die Möglichkeit, alleine nach Estland zu fliegen und sechs Tage lang zu lernen, Eindrücke zu sammeln und Kontakte in alle Welt zu knüpfen.

Dann war es endlich so weit. Früh morgens hob ich vom Hamburg Airport ab und landete mit Zwischenstopp in Helsinki am frühen Nachmittag in Tallinn. Vom Flughafen nahm ich ein Taxi ins Wohnheim. Mit frisch renoviertem Zimmer im siebten Stock mit Blick auf die Hochhäuser der Banken und die Kirchen der Altstadt, sowie mit 22° und Sonne begrüßte mich die Uni. Durch die im Vorhinein eingerichtete Facebookgruppe, fand ich recht schnell Leute, welche mit mir zusammen die Stadt erkunden wollten und so hatte ich einen tollen Start in Tallin. Abends lernte ich meinen Zimmernachbarn Noel (23, Astrophysikstudent aus Potsdam) kennen; beim Kartenspielen stießen noch ein brasilianischer Mitbewohner und eine chinesische Studentin zu uns.

Tag 1 | Kursstart & Old Town – 14. Juli 2025
Der offizielle Auftakt erfolgte am nächsten Morgen im Seminarraum: Von 10:00 bis 13:15 zeigte uns unser Professor, Andrejs Kajus, verschiedene Large Language Models inklusive ihrer Funktionsweisen, Vor- sowie Nachteile und erläuterte seine aktuellen Forschungsprojekte. Diese Modelle sind die Basis jeder Chat-basierten KI, die jeder von uns kennt. Ein erster Aha-Moment war dabei für mich, dass viele dieser KIs bereits in nützlichen Formen, in z.B. PowerPoint oder Word eingebettet sind. Zudem war ich überrascht, mich als jüngstes Kursmitglied wiederzufinden.

Gegen 14:00 begann unsere Führung durch die kopfsteingepflasterten Gassen der Altstadt. Die Upper- und Lower City sind die zwei Teile der Altstadt, wobei früher nur die Lower City „Tallinn“ genannt wurde. Nach einigen Konflikten zwischen den Bürgern der Lower City und den Adeligen der Upper City, wurde schließlich das gesamte Gebiet als „Tallinn“ anerkannt und benannt. Am Abend fand die Begrüßungs- und Eröffnungsfeier der TSS statt, welche mit Musik, Getränken und Snacks begleitet wurde. Diese Situation haben viele genutzt, um Kontakte zu knüpfen und Projektideen zu entwickeln.

Den Abend haben wir in der Gemeinschaftsküche mit ein paar Runden Mau-Mau in kleiner Gruppe verbracht – obwohl wir aus Deutschland, Brasilien und China stammten, konnten alle Mau-Mau. Ach ja, bis auf wenige Ausnahmen sprachen wir alle den ganzen Tag Englisch und das ging erstaunlich gut.

Tag 2 | Gruppenprojekt & Kochkurs – 15. Juli 2025
Weiter ging es am Dienstag direkt in den Projektteams. Ich arbeitete mit einem Physiklehrer aus Spanien zusammen, um einen KI-Assistenten für Schüler zu entwerfen. Unsere Idee: Ein Tool zur Koordinierung des eigenen Lernverhaltens und der Optimierung der schulischen Leistung in verschiedenen Bereichen. Unser Assistent sollte auf dem Kurrikulum basieren und die jeweiligen Notizen des Schülers, sowie Informationen der Lehrkraft nutzen können, um den Schüler bestmöglich in verschiedenen Bereichen zu unterstützen.

Nachmittags probierten wir uns im estnischen Kochkurs aus: Selbstgemachte Kama-Desserts, würzige Fischgerichte und andere kleine Beilagen. Jedes Gericht für sich war speziell, aber echt lecker. Anschließend gingen wir zur einst sowjetischen Linnahall-Veranstaltungshalle, kletterten mit einem Cider auf das Dach und genossen den Sonnenuntergang über der Ostsee.

Spätabends traf ich mich mit Attila aus Kiel in der Gemeinschaftsküche. Beide arbeiteten wir noch an unseren Projekten und endlich entstand die erste lauffähige Demo des KI-Assistenten.

Tag 3 | Prototypenbau & Stadterkundung – 16. Juli 2025
Voller Elan begann der dritte Tag mit Kursinputs und einer Mini-Präsentation jeder Gruppe: Unser Zwischenstand weckte sichtliches Interesse, wurde jedoch auch als sehr ambitioniert bezeichnet. Die restlichen 2h des Kurses arbeiteten wir durchgehend daran, eine Funktion nach der anderen aus unserer Demo zum Laufen zu bringen und die App mit Hilfe einer API an ChatGPT anzubinden. Unser Assistent lief mittlerweile als Web-App.

Den Abend verbrachten wir in der pulsierenden Altstadt, in der besonders viele Studenten und junge Leute leben, die total offen für technische Innovationen sind. Deshalb wird Tallin auch das „Silicon Valley Europas“ genannt. Zurück im Wohnheim standen dann 30.000 Schritte auf dem Schrittzähler.

Tag 4 | Abschlusspräsentationen & Museum – 17. Juli 2025
Der letzte Kurstag begann mit einem langen Vortrag über Datenverarbeitung mit KI. In den Abschlusspräsentationen der Gruppen stellten wir unseren Assistenten vor und führten seine bisher nutzbaren Funktionen wie den KI-Chat oder das Pop-Quiz vor. Wir erhielten positives Feedback aus dem Kurs und waren insgesamt ganz zufrieden.

Nachmittags fuhren wir ins „Estonian History Museum“. Die Ausstellung zur Sowjetzeit erinnerte mich stark an DDR-Geschichte, da es viele Parallelen auch bezüglich der Nähe zur BRD bzw. Finnland gab. Einige Male habe ich für einen Japaner und eine Chinesin übersetzt, was mir wirklich Spaß gemacht hat. Neu war mir, dass Japaner in der Schule sehr „verschriftlicht“ Englisch lernen und kaum sprechen. Da habe ich mich mit meinem Englisch vergleichsweise einfach zurechtgefunden.

Am Abend belohnten wir uns nach dem Museumsbesuch mit einem Essen in einem kleinen Restaurant in der Altstadt, das wundervolle rechteckige Pinsas servierte – so fluffige und leckere Pizzen hatte ich noch nie! Wir waren eine bunte Truppe: Noel aus Potsdam, Attila aus Kiel, Melina aus meinem KI-Kurs aus Stuttgart und Zoe, aus Kunming im Süden Chinas. Diese lustige Mischung aus Deutsch und Chinesisch ermöglichte es uns, interessante Gespräche über Schulsysteme, soziale Themen, Zensur und kulturelle Stereotypen in unseren Ländern zu führen und zu vergleichen. So wusste ich nicht, in welchem Ausmaß das Verbot von westlichen Apps in China reicht und wie stark bestimmte Ideologien propagiert werden. Pizza lieben wir aber alle.

Tag 5 | Freier Tag & Pub Crawl – 18. Juli 2025
Den ersten kursfreien Tag ging ich langsam an. Packen und Frühstücken stand erstmal hoch auf dem Programm. Mittags machte ich mir studentengemäß Nudeln mit Pesto in der Wohnheimküche. Ein wenig Arbeit an dem Assistenten passte ebenfalls noch in den Tag, bevor es abends los ging zum Pub Crawl: Wir erkundeten verschiedene Bars, probierten regionale Biere und trafen Studenten aus den USA und anderen Ländern. Im Gespräch mit einer anderen chinesischen Schülerin erfuhr ich, wie dort ein normaler Schulalltag bis 21:30 Uhr aussieht – ein harter Kontrast zu unseren fünf bis sieben Stunden Unterricht am Tag.

Der Nachtimbiss bei McDonald’s nach der Tour war obligatorisch, bevor ich erschöpft ins Bett fiel. Jedoch nicht, bevor ich mich nicht von allen verabschiedet hatte, da alle am Samstag bereits sehr früh zu einem Tagestrip aufbrechen würden.

Tag 6 | Rückreise & Nachklang – 19. Juli 2025
Am Morgen nahm ich einen Uber zum Flughafen. Leider verschlief ich den Flug von Tallinn nach Helsinki vollständig und wachte erst wieder am Gate auf. Obwohl es dann leichte Verspätungen gab, erreichte ich Hamburg am frühen Abend. Ein kurzer Abstecher ans Elbufer, ein Spaziergang über ein Sommerevent und um 22 Uhr war ich wieder zu Hause – mit einem Koffer voller Erfahrungen.

Was bleibt von dieser Woche?

Diese Woche hat mich fachlich und persönlich sehr wachsen lassen und zudem unheimlich viel Spaß gemacht:

  • Prototyp & Skills: Mein KI-Assistent läuft, und ich habe gelernt, wie man in kurzer Zeit von der Idee bis zu einer laufenden Web-App kommen kann.
    Networking: Ich knüpfte internationale Freundschaften, verbesserte mein Englisch und erweiterte meinen Horizont für ein späteres Studium. Tallinn sehe ich nun noch viel stärker als Option zum Studieren.
  • Selbstbewusstsein: Diese Reise hat mir gezeigt, dass es mir möglich ist, mich abseits allem Bekannten, zurechtzufinden. Die durchgehende Nutzung des Englischen war ebenfalls neu für mich.
  • Neu erworbenes Wissen über das Reisen planen und „Budgeting“: Ich habe deutlich unterschätzt, was für unvorhergesehen Kosten vor Ort auf einen zukommen könnten. Auch wenn man theoretisch alleine kochen könnte, würde man schon gerne mit der Gruppe gehen, wenn diese geht oder gerne ein Taxi oder einen Uber nehmen, wenn der Bus nicht funktioniert. Außerdem muss man auf Preisschwankungen, z.B. bei Flügen oder den Kursgebühren (Early-Bird) aufpassen.
  • „Möglichst früh alles klar mach“: Ich hatte z.B. die Sorge, dass meine Flüge, der Kurs oder das Studentenwohnheim zum Zeitpunkt, wenn das Stipendium zugelassen ist, nicht mehr verfügbar ist. Es hat aber alles perfekt geklappt.
  • Dankbarkeit: Ein großes Dankeschön an Herrn Dr. Volker Nickeleit, sowie Frau Pfauntsch, Herrn Bickert und Frau Schmalfeld, die mir diese Reise ermöglicht haben.

Nun freue ich mich darauf, das Gelernte umzusetzen, meinen Assistenten weiterzuentwickeln und hoffentlich Kontakt zu meinen neuen Bekannten zu halten. Und zum Schluss:

Tallinn, bis zum nächsten Mal!